Steirische Popgeschichte im O-Ton

Drei Jahrzehnte steirische Popmusikgeschichte vielstimmig erzählt von steirischen Protagonist*innen machen sichtbar, wie internationale Einflüsse, gesellschaftliche Veränderungen und die kreative Energie lokaler Musiker*innen zusammenspielten und eine popkulturelle Entwicklung in der Steiermark ab den 1960ern ermöglichten.

Revolutionen im Kleinen

Die 1960er-Jahre waren geprägt vom Sound der weltweiten Bürgerrechtsbewegungen. Beatmusik, E-Gitarre und E-Bass brachten eine wahre „Lärmrevolution“. Die steirische Jugend hatte anfangs vor allem über Radio Luxemburg Zugang zu Beatmusik.

Etwas später kamen die ersten Beat-Schallplatten in die Steiermark und lokale Tanzbands sowie Musikboxen brachten den neuen Sound in die Wirtshäuser. Neben dem Oberen Murtal und Graz war es vor allem die Oststeiermark, die zum Epizentrum der steirischen Beatmusik wurde. Politische Forderungen blieben allerdings zumeist aus. Der Widerstand äußerte sich eher in der Umwälzung von Konventionen und in der Abgrenzung von den Erwachsenen.

Die „Revolutionen im Kleinen“ manifestierten sich beispielsweise in der Haarlänge, die allmählich auf Kinnhöhe anwuchs. Zudem berichteten aktive Musiker*innen von festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen und bekennenden Nazis im Lehrkörper, die Beatler als gesellschaftlichen „Abschaum“ betrachteten. Bis Ende der 1960er-Jahre vollzog sich der Übergang von heimischen Tanzbands zu reinen Beat- und später Rockbands. Man sang auf Englisch und lieferte bei Tanzveranstaltungen üblicherweise die Musik für eine ganze Nacht.

O-Ton-Collage

Interviewpartner:
Andi Beit (2012/2013), Harry Brunner (2013), Boris Bukowski (2012/2013), Toni Gruber (2013), Frido Hütter (2013), Josef Jandrisits (2013), Heinrich Kusch (2013), Robby Musenbichler (2013), Carl Peyer (2013), Vojo Radkovic (2013), Schiffkowitz (2013), Thomas Spitzer (2018), Gert Steinbäcker (2012), Wilfried Scheutz (2012)

Dauer: 23 min 29 s

Copyright
Videomaterial: Cinevision TV und Videoproduktion GmbH, Markus Mörth Film- und Medienproduktion GmbH, Labor für erweiterte Film- und Klangkunst
Schnitt: David Višnjić, Interviews: David Reumüller

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Professionalisierung der Leidenschaft

Waren Anfang der 1960er-Jahre die Musiker*innen und Bands in den einzelnen Regionen und Szenen noch eher unter sich, so entstand Ende des Jahrzehnts allmählich ein Netzwerk an Beziehungen, aus denen sich neue Formationen bildeten und später auch einige der erfolgreichsten Bands des „Austropops“ hervorgingen. Erster Höhepunkt des gemeinsamen Auftretens in der regionalen Szene war das oststeirische Woodstock-Imitat „Popendorf 71“ mit 20 heimischen Bands und rund 3.000 Besucher*innen.

Nach Jahren des leidenschaftlichen „Amateurmusizierens“, in denen Bands und Musiker*innen auf ihr Live-Publikum angewiesen waren und sich selbst um Konzertorganisation und -bewerbung kümmern mussten, setzte ab Anfang der 1970er-Jahre eine schrittweise Professionalisierung ein. Wichtig war dabei die Nachwuchsförderung: In den TV-Talentwettbewerben „Show-Chance“ und „Talente 70“ mit Ö3-Moderatorin Evamaria Kaiser eroberten junge Musiker*innen die Bühne, erhielten mediale Präsenz und konnten Kontakte zur Musikindustrie knüpfen. Auf regionaler Ebene waren es vor allem die Steirischen Bandwettbewerbe im Grazer Orpheum (Haus der Jugend) mit Organisator Vojo Radkovic, die den Jungmusiker*innen ein Sprungbrett boten.

Ab Mitte der 1970er-Jahre rückte zudem die Produktion von Vinyl-Singles und Langspielplatten in den Fokus. Plattenaufnahmen gelangen aber nur wenigen, auch weil Aufnahmemöglichkeiten in der Steiermark fehlten. Andi Beit und Boris Bukowski zeigten Eigeninitiative und gründeten 1979 das Magic Sound Studio. Damit schufen sie eines der ersten professionellen Studios in der Steiermark, das von heimischen Musiker*innen gerne genutzt wurde.

O-Ton-Collage

Interviewpartner*innen:
Andi Beit (2012/2013), Eik Breit (2012), Boris Bukowski (2012/2013), Jimmy Cogan (2012), Goldie Ens (2018), Frido Hütter (2013), Josef Jandrisits (2013), Joseppa (2012), Heinrich Kusch (2013), Carl Peyer (2013), Kurt René Plisnier (2012), Ewald Pfleger (2012), Alex Rehak (2012), Wilfried Scheutz (2012), Schiffkowitz (2013), Johannes Silberschneider (2012), Thomas Spitzer (2018), Gert Steinbäcker (2012), Fred Steinbrenner (2012)

Dauer: 25 min 29 s

Copyright
Videomaterial: Cinevision TV und Videoproduktion GmbH, Markus Mörth Film- und Medienproduktion GmbH, Labor für erweiterte Film- und Klangkunst
Schnitt: David Višnjić, Interviews: David Reumüller

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Erfolg und Vielfalt

In den 1980er-Jahren dominierten die „Neue Deutsche Welle“ und der „Austropop“ die Charts. Musiker*innen und Bands aus Österreich, die trotz ihrer verschiedenen Musikstile unter dem Begriff „Austropop“ subsumiert wurden, feierten große Erfolge. Darunter waren auch zahlreiche Bands und Musiker*innen aus der Steiermark, wie Opus, STS, EAV, KGB, Stefanie Werger, Boris Bukowski, Carl Peyer u. a., die damit die österreichische Musikgeschichte wesentlich mitprägten.

Abseits des „Austropops“ etablierten sich zudem internationale Genres wie Heavy Metal, New Wave oder Punk, die die steirische Musiklandschaft vielfältiger machten. Clubs und Diskotheken boten der alternativen Szene Spielstätten und trugen wesentlich zu deren Entwicklung bei. Musiker*innen organisierten gemeinsame Projekte, produzierten eigene Tonträger und vermehrt traten nun auch Frauen in den Vordergrund.

Videos und Visuals sowie genreübergreifende Bandprojekte, die an bildende Kunst oder das Theater anknüpften, begannen sich durchzusetzen. Das Klangspektrum erweiterte sich durch Sound-Experimente mit Alltagsgegenstanden oder Industrieabfallen und neue Instrumente wie Synthesizer oder Drumcomputer. Neben der Musik wurden vor allem Stilfragen wichtig und Pop zunehmend theoretisch untermauert.

O-Ton-Collage

Interviewpartner*innen:
Andi Beit (2012/2013), Eik Breit (2012), Boris Bukowski (2012/2013), Klaus Eberhartinger (2012), Goldie Ens (2018), Andreas Fabianek (2012), Toni Gruber (2012), Frido Hütter (2013), Josef Jandrisits (2013), Joseppa (2012), Orhan Kipcak (2018), Heinrich Kusch (2013), Carl Peyer (2013), Vojo Radkovic (2013), Kurt René Plisnier (2012), Ewald Pfleger (2012), Alex Rehak (2012), Wilfried Scheutz (2012), Schiffkowitz (2013), Johannes Silberschneider (2012), Thomas Spitzer (2018), Gert Steinbäcker (2012), Fred Steinbrenner (2012), Eva Ursprung (2018), Stefanie Werger (2012)

Dauer: 27 min 11 s

Copyright
Videomaterial: Cinevision TV und Videoproduktion GmbH, Markus Mörth Film- und Medienproduktion GmbH, Labor für erweiterte Film- und Klangkunst
Schnitt: David Višnjić, Interviews: David Reumüller

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