Herbert Boeckl war in erster Linie Maler und gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Österreichischen Expressionismus. Neben Atlantis ist nur eine weitere Skulptur – die Bronze „Springendes Pferd“, 1929 – von ihm bekannt. In den 1930er-Jahren hatte Boeckl bereits einen prominenten Platz in der nationalen Kunstszene inne. Ab 1935 wirkte er als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo er ab 1938 den legendären „Abendakt“ leitete und einer großen Zahl von Schülern ein einflussreicher Lehrer wurde.
Wenn Boeckl auch vorwiegend in der Fläche arbeitete, so zeigt sich sein Interesse am plastischen Gestalten auch in seinen Gemälden: Zu Beginn der 1920er-Jahre setzte er die Farbe wie Modelliermaterial ein. Er trug sie direkt aus der Tube auf die Leinwand auf, sodass sie ihre Wirkung nicht nur als Farbe, sondern auch als physisch fühlbare Substanz entfalten konnte, und baute aus ihr die Kompositionen auf. Das Thema des weiblichen Aktes variierte Boeckl in seinem Werk immer wieder, häufig in großen Formaten. Die Plastizität und Unmittelbarkeit, mit der er in diesen Bildern die physische Präsenz des weiblichen Körpers vermittelt, machen sie zu Hauptwerken der österreichischen Malerei des 20. Jahrhunderts.
Für die Bronzeplastik Atlantis, die er ursprünglich in Wachs modelliert hatte, orientierte sich Boeckl stärker an den Gestaltungsprinzipien der Malerei als an jenen der Plastik. Die Figur ist in ihrer Stellung mit dem „Sitzenden gelben Akt mit Maske“ von 1935 verwandt. Während der Akt auf dem Gemälde sich jedoch entspannt an die Kissen lehnt, fehlen der Skulptur die stützenden Elemente. Durch die zurückgelehnte Haltung gerät sie in ein labiles Gleichgewicht, Spannung und Unsicherheit entstehen. Auch die raue Oberfläche mit dem auf ihr spielenden Licht steht in enger Beziehung zur Malerei. Vergleicht man Atlantis mit den gleichzeitigen Heroenfiguren der NS-Kunst, wird Boeckls Distanz zu dieser Art der Idealisierung und sein Anspruch auf Vermittlung einer anderen Realität bewusst.