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Mit der Alten Galerie durch das Jahr

Der Ferienmonat Juli – Reisen im Mittelalter

Süddeutscher Meister, Großer Mariazeller Wunderaltar

Urlaubszeit ist heutzutage Reisezeit. Schon im Mittelalter machten sich Menschen auf den Weg, etwa um in fremde, unbekannte Länder vorzudringen oder große Wallfahrtszentren aufzusuchen. Blieben die Entdeckungsreisen, v. a. in das Morgenland, nur wenigen Abenteurern wie Marco Polo im 13. Jahrhundert vorbehalten, so waren die Pilgerreisen doch für viele Gläubige leistbar. Neben den drei großen Zentren Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela haben sich auch nahe Wallfahrtsziele wie Mariazell in der Steiermark oder Altötting in Bayern behauptet. Beide Orte haben im späten Mittelalter mit großen Tafelbildern, auf denen die Wundertätigkeit der Gottesmutter Maria anzeigt wurde, um die Pilgerschar geworben. Ebendort sind aber auch die Gefahren, die das Reisen zu Wasser und zu Lande mit sich brachte, eindrucksvoll thematisiert.

 


Süddeutscher Meister, Großer Mariazeller Wunderaltar
Flügelaltar mit 48 Einzeldarstellungen, um 1520
Temperamalerei auf Holz, Originalrahmen, 260 cm x 169 cm (geschlossen)
Seit 1887 im Joanneum
 

Die Wallfahrer hatten einen besonderen rechtlichen Status inne, der es ihnen zum Beispiel erlaubte, entlang des Weges Nahrung aufzusammeln und Herbergen zu nutzen. Ihr Äußeres war den unwirtlichen Umständen angepasst, unter denen die Reise oft stattfand: ein langer schützender Mantel, ein Hut mit dem Pilgerabzeichen, ein Wanderstock als „drittes Bein“, eine lederne Trinkflasche sowie eine Tasche für den Reiseproviant, Geld und Ausweis waren charakteristische und unverzichtbare Teile der Pilgerkleidung.


 

Reisen bedeutete im Mittelalter immer auch eine Konfrontation mit fremden Kulturen. Die Kreuzfahrer etwa, die sich die Befreiung des Grabes Christi von den Seldschuken (turkischer Stamm) und die Sicherung der Pilgerfahrten zur Aufgabe machten, kamen erstmals mit dem Islam in Kontakt. Ein reger Handel mit orientalischen Waren, die im Abendland bislang nicht bekannt waren, wie Seide oder Goldbrokatstoffe, Teppiche, bestimmte Lebensmittel und Gewürze, war die Folge. Venedig entwickelte sich zum Umschlagplatz für diese Produkte, die per Schiff nach Europa kamen. Eine Orientalisierung hat sich auch in der zeitgenössischen bildenden Kunst niedergeschlagen, denn ab nun fanden fremdartige Motive wie Nelken, Granatapfel oder der Turban Eingang in die Malerei und Bildhauerei.

Mentale Unterstützung fanden die Reisenden in der christlich-philosophischen Auslegung des Reisens. Demnach war der Mensch im übertragenen Sinn stets als Wanderer unterwegs, der immer dem Tode zueilt – egal was er tut (nach den Gesta Romanorum, um 1300). Aus diesem Grund musste er sich für die Reise des Lebens entsprechend vorbereiten, nämlich mit guten Eigenschaften ausstatten. Somit konnte das Reisen zum Sinnbild für eine Lebensform werden, die ganz im Zeichen der gottesfürchtigen Kirchenlehre stand.

Dr. Helga Hensle-Wlasak
Kuratorin für mittelalterliche Kunst